Wo die Pausenhöfe Berge haben

Alle sind gespannt, was in Grenoble auf sie zukommt. Bei einer letzten längeren Pause auf einem Rastplatz, irgendwo nicht mehr ganz weit weg, wird jedenfalls klar: Wir sind schon ein bisschen im Süden. Jacken werden ausgezogen. Wieder im Bus rücken nur wenig später die ersten Berge vor die  Fenster. Letzte mahnende Worte der Lehrerinnen: Verhaltet euch gut, haltet euch an die Regeln, die sind streng in Frankreich, kein Kaugummi, keine Kopfbedeckung, kein Handy. Und dann sind wir da.

Freudig werden wir begrüßt, wir erhalten Willkommensgeschenke und einen ersten Eindruck von der Schule: ein modernes Gebäude mit viel Platz, ein Pausenhof mit Bergpanorama und ...französische Schüler mit Handys überall, vielleicht doch eher französische Revolution als strenge Regeln.

Auf dem Schulhof des lycée André Argouges

Aber doch, es gibt sie, die klaren Regeln. Viele unserer Schülerinnen und Schüler haben Internatsschüler als Austauschpartner und so lernen sie es kennen, das französische Internatsleben. Strenge Geschlechtertrennung, klare Ess-, Lern- und Duschzeiten, aber auch das Hanni-und Nanni-Gefühl beim Spätabendplausch im Zimmer.

Hohe Berge und nackte Katzen

Am nächsten Tag beginnen wir mit der Projektarbeit. In Koblenz hatten wir zum Thema DDR gearbeitet, hier erstellen wir einen Online-Reiseführer für junge Zugezogene: Grenoble for Newcomers. Am Nachmittag erkunden wir die Stadt, geführt von geduldigen Schülern und informiert von einem Audioguide, den Schüler der französischen "seconde" (entspricht unserer 10. Klasse) für uns auf Deutsch erstellt haben. Sie führen uns zu ihren Lieblingsorten in Grenoble, das sind touristische Höhepunkte wie die Bastille, die ähnlich unserer Festung Ehrenbreitstein über Grenoble auf einem Felsen thront, nur eben höher, imposanter und vor allem mit einem überwältigenden Bergpanorama: Stadt, Fluss, Alpen, Wow!

Auf der Bastille in Grenoble

Aber sie lassen uns auch die Geheimtipps der Einheimischen kennen lernen, wie "le bar à chats", ein Katzencafé, wo man beim Kaffeetrinken Katzen streicheln kann, wenn man unbedingt will sogar eine Nacktkatze. Hm. Die meisten wollen nicht unbedingt.

Wir lassen uns ein bisschen anstecken vom französischen laissez faire und stören uns nach kürzester Zeit kaum noch an roten Ampeln. Aber psst, nicht verraten. Wir verlieren aber nicht nur die deutsche Ampeldisziplin, sondern leider auch noch anderes. Aber auch hier gilt: Psst, wird nicht verraten.

Am nächsten Tag lassen wir das Projekt Onlinebuch für einen Tag ruhen, aber ein anderes Buch wird uns in Gedanken begleiten: Wir fahren nach Lyon und schauen uns die Stadt an, die in einem Lehrbuch der Mittelstufe ausführlich vorgestellt wurde. Und die Stadt kann, was einem Lehrbuchtext nicht immer gelingt: begeistern. Eine Stadt in Orange, mit Ausblicken über rote Dächer und Einblicken in Hinterhöfe von Renaissance-Häusern, mit Gassen, steil, schmal und voller Leben. In Lyon besuchen wir auch das Museum "Confluence", das von außen durch seine Architektur und von innen durch interessante Ausstellungen fasziniert. Was wir aber auch kennenlernen, ist der Alltag in Frankreich nach den Terroranschlägen der vergangenen Jahre: In Museen werden wir kontrolliert wie am Flughafen.

Im Amphitheater in Lyon

Pizza im Park und Nutella in Crêpes

In den folgenden Tagen arbeiten die Schüler in binationalen Gruppen am bilingualen Onlineguide. Dabei übernehmen die deutschen Schüler am Nachmittag Recherchearbeiten, führen Interviews, machen Fotos (na gut, manchmal essen sie auch ein Eis), während die französischen Schüler bis 18 Uhr den Unterricht besuchen, denn viele machen im Mai ihr Abitur und müssen sich auf die Prüfung vorbereiten. Aber es gibt auch gemeinsame Zeiten der Entspannung wie ein Picknick im Park mit Pizza und Sport.

Am Samstag unterstützen viele deutsche Schülerinnen und Schüler ihre Austauschpartner beim Tag der offenen Tür. Beim Kuchenverkauf etwa, wo die französischen Schüler selbst gebackene deutsche Spezialitäten wie Berliner, Amerikaner und Tara! eine Schwarzwälderkirschtorte anbieten. Nach einem tapferen Selbstversuch lässt sich sagen: Sie war gelungen.

Nach einem Wochenende in den Familien geht es am Montag und Dienstag noch einmal in die Endphase der Projektarbeit. Jetzt endlich vollständig, denn ein Schüler, der noch am MEP teilgenommen hatte, ist uns nachgereist. Sogar mit Krücken.

Es stehen auch gemeinsame Freizeitaktivitäten auf dem Programm: Der Besuch einer Zirkusschule und ein Abschlussabend mit gemeinsamen Kochen, der Präsentation der Projektarbeit, vielen Crêpes mit Nutella und 99 Luftballons.

Woran sieht man, dass es schön war? Daran, dass der Abschied schwer fällt. Und das fiel er. Tränen und Umarmungen, Freundschaftsbeteuerungen, letzte Umarmungen und allerletzte. Dann Türen zu und winken. Und einige Versprechungen, sich wiederzusehen, nicht nur digital. Zwei von unserer Gruppe kommen bereits in diesem Schuljahr wieder zum Individualaustausch. Dann wissen sie ja schon, wo sie hingehen können und was sie machen wollen. Und was nicht. Nacktkatzen streicheln beim Kaffeetrinken zum Beispiel.

 

Dagmar Lescher

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